„K oder Q?“

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Dieses Buch hat alles, was ein gutes Koch-Buch normalerweise ausmacht: Tolle Fotos, so unterhaltsame wie informative Texte, interessante Rezepte, ein im besten Sinne unkonventionelles Layout und ein durchaus spannendes Thema. Doch trotz erstklassiger Zutaten, ist „Aquavit – Spirit oft the Nordics“ kein richtig runder Lesestoff geworden. Und dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen.

Foto: HANNAH.KONDA Fotografie, Hannah van Alen
Allen voran: Dieses Buch kann sich nicht entscheiden. Ist es Kochbuch, ist es Cocktailbuch, ist es Lehrbuch? Und als hätten die Macher das Problem schon beim Entstehungsprozess erkannt, stellen sie in den Kapitelüberschriften nach „K oder Q?“, „Lego oder Logo?“, „Kalt oder Cool?“ unterbewusst und unfreiwillig die Gretchenfrage: „Fisch oder Fleisch?“

Natürlich geben die Autoren auf all ihre selbst gestellten und durchaus interessanten Fragen Antworten. So zum Beispiel die nach der Schreibweise. Wann heißt es Akvavit, wann Aquavit? Sie erinnern sich: „K oder Q?“.

Also: Dänischer und schwedischer Akvavit schreibt sich mit „K“, sein Herstellungsprozess basiert überwiegend auf der Verwendung von Weizen, eine Lagerung der Spirituose erfolgt nicht. Ganz anders bei der „Q-Variante“. Aquavit kommt aus Norwegen und wird traditionell aus Kartoffeln hergestellt, lagert anschließend für 12 Monate und wird schlussendlich für weitere vier Monate in Holzfässern über die Weltmeere geschippert, wodurch er deutlich andere Aromen entwickelt als seine Brüder aus S und DK. So weit, so logisch. Glaubt man jedenfalls. Doch es gibt auch Aquavit „Made in Germany“. Der schreibt sich zwar mit „Q“, wird aber aus Weizen hergestellt und geht auch nicht auf Seereise. Darauf erst mal eine musikalische Orientierungshilfe. Ich empfehle „Eisgekühlter Bommerlunder“ von den Toten Hosen, Jahrgang 1983. Dazu natürlich ein belegtes Brot mit Schinken und eines mit Ei. Und dann weiter im Text.

Der Ambivalenz des inhaltlichen Konzeptes schließen sich Typografie und Grafik nicht nur an, sie heben sie geradezu hervor. Statt Halt und Orientierung zu geben, stiften sie Verwirrung. Ständig wechseln Schriftgrößen und -abstände, Spaltenbreiten und Satzspiegel. Einzelne Worte werden anscheinend willkürlich in Buchstabengruppen zerlegt, sodass aus einer einfachen PRODUCTION der nahezu unleserliche Vierzeiler PRO  DU  CTI  ON wird. Selbst Seitenzahlen verlassen immer wieder ihren angestammten Platz, um an anderem Ort und anderer Größe der Kreativität des Gestalters Ausdruck zu verleihen. Das erinnert bisweilen an den britischen Top-Typographen Neville Brody und  ist im Einzelfall durchaus hübsch anzusehen, führt ihre (Leit-)Funktion im aktuellen Kontext allerdings ad absurdum. Zwar erkennt man eine im Großen und Ganzen durchgängige Gestaltungshandschrift, aber leider keinen roten Faden und somit kein stimmiges Gesamtbild.

Apropos Bild. Die grandiosen Food-Fotos von Ansgar Pudenz sind das Highlight des Buches und rechtfertigen allein dessen Kauf. Ein echter Augenschmaus, der Lust macht, die überwiegend anspruchsvollen und von hochkarätigen Mixologen bzw. Köchen aus Norwegen, Dänemark, Schweden und Deutschland entwickelten Rezept- und Cocktail-Kreationen nachzuempfinden. Dass dabei immer Aquavit mit im Spiel ist, versteht sich von alleine und darf als erfreuliche Konstante in einem ansonsten recht ambivalenten Werk gewertet werden.

AQUAVIT – SPIRIT OF THE NORDICS, 99pages Verlag GmbH, ISBN: 978-3-942518-27-7, 26 Euro
Aufgrund der erstklassigen Fotos und interessanten Rezepte


4 von 5 Gabeln







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