Zu früh gefreut

14:57:00

Sebastian Lege gibt sich als Frohnatur. Kein Wunder, schließlich läuft es für den gebürtigen Bremer und erfahrenen Koch gerade richtig gut. Seine Expertise ist gefragt: Als Produktentwickler, als TV-Experte und jetzt auch als Autor. „Die Foodwerkstatt“ heißt sein Erstlingswerk, das er unlängst  in Düsseldorf der Presse präsentierte. Mit Hund „Kalle“ war er ins Hotel Indigo gekommen, um – natürlich bestens aufgelegt – für sein Buch zu werben. Ein kurzes Statement, ein wenig Smalltalk, ein paar Fotos: Lege meistert das alles routiniert und sichtbar gut gelaunt. Meine Frage, ob er mir in einem Satz sagen könne, warum sich jemand gerade sein Buch kaufen solle, beantwortet er so: „Es unterhält“.  Na dann. Ich bin gespannt und mache mich kurz darauf samt Rezensionsexemplar vorfreudig auf den Heimweg.

Foto: HANNAH.KONDA Fotografie, Hannah van Alen
Die Idee, die hinter „Die Foodwerkstatt“ steht, ist schnell erklärt: „38 Supermarktklassiker und Fastfood-Lieblingsrezepte zum Selbermachen“, heißt es auf dem Buch-Cover. Dazu gehören beispielsweise „Nutella“, „Fischstäbchen“, „Miracoli“, „Fruchtzwerg“ und „Maggi Fix“ aber auch Ketchup, Mayo, Pommes und Burger. Doch weil 38 Rezepte bei weitem keine 192 Seiten füllen, braucht es jede Menge Füllstoff in Form von reichlich „Foodwerkstatt-Know-how“. Da wird mir beispielsweise erklärt, dass ich neben vielen anderen Utensilien Messer, Schneidebrett, Töpfe und Pfannen in der Küche benötige (Aha!), dass Kochen etwas mit Naturwissenschaften zu tun hat (Oh Wunder!), dass Aminosäuren lebenswichtig, Vitamine hilfreich, Mineralstoffe unentbehrlich und Fett = Superfood ist (Na sowas!). Und bevor es endlich zum ersten Rezept geht (Seite 46), werden mir dann noch Vorschläge unterbreitet, welche Lebensmittel ich in Schrank, Kühlschrank und Gefrierfach bevorraten sollte, um für „jede Kochaktion“ bestens gerüstet zu sein.
Foto: HANNAH.KONDA Fotografie, Hannah van Alen
Nach so viel geballtem Food-Wissen ist man für die Seiten 86 bis 93 geradezu dankbar – denn die sind mit „Meine Lieblingsrezepte“ überschrieben und bis auf gepunktete Hilfslinien, ein paar kindliche Illustrationen und einige kecke Farbkleckse leer. Der geneigte Leser darf sich hier selbst verwirklichen, sich als Autor fühlen und Teil des Lege-Universums werden, indem er seine Rezept-Favoriten zu Papier bringt. Der Bleistift samt Ratzefummel ist dem Buch übrigens gleich beigefügt. Ich weiß, auch Ausmalbücher für Erwachsene boomen gerade, aber spätestens hier frage ich mich dennoch, ob die 25 geforderten Euro für diese Lektüre angemessen sind. Verstärkt wird das Gefühl durch ein abschließendes, fast fünfzig Seiten umfassendes Lebensmittel-Lexikon, das u.a. mit innovativen Tipps und Hinweisen wie „Lagere Lebensmittel richtig“, „Gutes Brot auf keinen Fall wegwerfen“ und „Frische Früchte sind perfekte Vitalstoffbomben“ aufwartet.

Foto: HANNAH.KONDA Fotografie, Hannah van Alen

Habe ich mich jetzt ein wenig in Rage geschrieben. Ja, habe ich. Und wozu? Zu Recht. Denn dieses Buch ist ein „Aufschneider“. Kalorienreiche Verpackung (Zitat Waschzettel: „Aufwendiges Hardcover mit Moleskineband und Bleistift in Gummilasche“) mit magerem Inhalt und einer so ungeschickt auf jugendlich getrimmten wie anbiedernden Du-Ansprache, die bei einem schwedischen Möbelhaus charmant, hier aber nur aufgesetzt wirkt. Beispiel gefällig? Gerne. „So, und jetzt habe Spaß in deiner Foodwerksatt und am hemmungslosen do it yourself. Pimp dein Leben!“, schreibt Sebastian Lege am Ende seines Vorwortes und lächelt dazu im blau-weiß gestreiften Ringelshirt.

Weniger lustig fand der Verlag meine Anfrage bezüglich der mehrmals im Buch erwähnten QR-Codes. Dazu heißt es im Vorwort: „Einkaufengehen geht auch einfach, du scannst einfach den QR-Code neben den Rezepten in dein Handy und hast den Einkaufszettel gleich dabei.“ Prima Idee, leider nicht umgesetzt. Denn selbst unter Zuhilfenahme meiner Brille konnte ich nicht einen QR-Code im gesamten Buch finden. Erklärung des Verlags: Sie seien nicht rechtzeitig fertig geworden, wären aber in der zweiten Auflage auf jeden Fall dabei. Dumm gelaufen würde ich sagen – vor allem für Käufer der Erstauflage.

Und das ist nicht die einzige Ungereimtheit in diesem Buch. So wird an vielen Stellen suggeriert und formuliert, Kochen sei einfach und ginge schnell – vor allem mit den tollen Lege-Rezepten. Zitat: „Vielleicht denkst du auch, dass die Kocherei wahnsinnig kompliziert ist und eher was für Künstler am Herd. Dann ist jetzt Zeit für einen evolutionären Quantensprung. Dazu brauchst du lediglich eine Portion Neugier und etwas Chill-out-Time…“

Wer locker durch das Buch blättert, mag den Ankündigungen Glauben schenken und meist treffen sie sogar zu. Doch leider nicht immer. Beispiel „Miracoli“. Vier Zutaten sind laut Rezept nötig: Spaghetti, Tomatenmark, Wasser und Gewürzmischung. Klingt easy. Doch dann geht’s weiter: Für die gewünschte Gewürzmischung braucht man schon zehn Zutaten, u.a. selbstgemachte „Instant-Brühe“. Deren Herstellung wird dann an anderer Stelle beschrieben. Hier sollen Lauch, Knollensellerie und Karotte zu einem feinen Granulat gemixt und dann im Ofen langsam bei 60 Grad getrocknet werden. Wer also abends Lust auf ein paar Nudeln mit Tomatensoße hat, sollte sich tunlichst mittags frei nehmen, um vor der Tagesschau satt zu sein. Dann also doch lieber das Original?

Auch eine ganze Reihe von Mengenangaben zeugen von wenig Präzisions-Lust: „Tasse“, „Tube“ oder „Packung“ lassen jede Menge „Spielraum“, um das Essen zu ruinieren. Schade eigentlich. Und auch wer den Lege-Ratschlägen zur Vorratshaltung nachgekommen ist, wird bisweilen frustriert am Herd stehen, denn sie ist mit den Rezeptzutaten nicht deckungsgleich.

Fazit: Dieses Buch ist ein Ärgernis – weil es vieles verspricht, dann aber nicht einhält, weil es in Wort, Bild und vielen Illustrationen Liebe zum Kochen/Essen suggeriert, die Liebe zum Buch-Detail aber vermissen lässt. Das riecht nach „Schnellschuss“ und hinterlässt zumindest bei mir einen bitteren Nachgeschmack. Unterhalten, lieber Sebastian Lege, hat mich dieses Buch nicht. Enttäuscht schon. Da helfen auch die hier und da durchaus interessanten Rezept-Kreationen nicht drüber hinweg. Für mich ein typischer Fall von „Zu früh gefreut“.

Sebastian Lege: Die Foodwerkstatt 38 Supermarktklassiker zum Selbermachen, systemed Verlag, ISBN 978-3-95814-041-7, 25 Euro

2 von 5 Gabeln











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